Restaurator königlicher Macht sah die Abschaffung des Reiches voraus
Leitender Minister Graf von Borries fiel in Ungnade
Wilhelm Friedrich Otto Graf von Borries war am Anfang seiner Karriere durchaus liberal gesonnen
und förderte die hannoversche Verfassung von 1840.Aber dann realisierte
er nach 1848/49 mit der Erneuerung eines konservativ-monarchistischen Regiments
die Durchführung der Restauration und war im Umgang mit seinen Kritikern wenig zimperlich.
Der König, der dadurch mehr Macht als zuvor erlangte, war zunächst dankbar und
erhob seinen leitenden Minister zum Grafen, bis er ihn aus gekränkter Eitelkeit 1862
mit der Bemerkung entließ:
„Er wollte den Richelieu spielen, er hat sich in mir verrechnet.“
Die Konservativen im Lande feierten ihn lange als „Retter der Gesellschaft“ und Synonym für die hannoversche Staatsmacht.
Doch Borries war nicht nur konservativ, sondern auch ein politischer Pragmatiker. Er brachte die Wirtschaft voran,
stutzte die Verwaltung auf ein notwendiges Maß zurück und warnte
außenpolitisch als Realist vor einer Feindschaft mit Preußen.
Der Politiker wollte vor allem „das Beste der Dynastie und des Landes, wie er es verstand“,
und war deshalb auch mehr ein Partikularist und wegen der befürchteten Mediatisierung
Hannovers weniger ein Einigungs-Befürworter.
Doch angesichts antipreußischer Tendenzen formulierte er vor dem preußisch-österreichischen Krieg 1866 in weiser Voraussicht:
„Wir sind von Preußen umspannt und müssen den ersten Schlag aushalten. Weshalb stellen wir uns in die Vorderreihe und
bleiben nicht gleich Mecklenburg vorsichtig zurück? Die Zeit wird kommen, wo man
hier bitter bereut, Preußen in solcher Weise gereizt zu haben.“
Und diese Zeit kam sehr schnell und brachte das Ende der Welfendynastie und des
Staates Hannover. Dass der welfentreue Borries Recht behielt, trugen ihm die Welfen
bis zu seiner Beerdigung vor 125 Jahren in Celle nach, der sie demonstrativ fernblieben.
Der hannoversche Richelieu war der Urenkel von Johann Friedrich Borries, der um 1715 in das Herzogtum Bremen-Verden kam,
zum Direktor der drei Justizkollegien des Landes aufstieg und durch Kaiser Karl VI. 1733 geadelt wurde.
Mit dem Erwerb des Gutes Horneburg bei Stade zählte die Familie zur Ritterschaft des Landkreises.
Borries wurde 1802 in Dorum im Land Wursten zwischen Bremerhaven und Cuxhaven als Sohn des Obervogtes geboren.
Nach erster Unterrichtung im Hause des Bremer Predigers Georg Langenbeck und Absolvierung des Gymnasiums in Stade
besuchte der junge Adelsspross die Ritterakademie in Lüneburg.
1821 wechselte er fast parallel zum Tod seines Vaters zur Universität nach Göttingen, um Jura zu studieren.
Anschließend bewährte sich Borries in seiner Heimat als Beamter. Er wurde 1832 als
Deputierter seiner Ritterschaft in die erste Kammer der Ständeversammlung gewählt, heiratete Artemise von Lütken,
die Tochter des Osnabrücker Landdrosten, und wurde 1838
zum Regierungsrat der Landdrostei Stade ernannt. Da hatte er noch eine liberale Orientierung.
Aber nach den Reformen von 1848/49, die auch die traditionellen Rechte der Ritterschaft
erheblich beschnitten, mauserte sich Borries zum anerkannten Anführer der ritterschaftlichen
Opposition im hannoverschen Staat.
Er war es, der die Restauration auf den Weg brachte, sich damit durchsetzte und die Gunst des Königs erwarb.
Der Aufsteiger fungierte zunächst ab 1851 als Innenminister, ab 1855 als leitender Minister,
setzte die liberale Verfassung von 1848 außer Kraft und sorgte durch Wahlmanipulation
für eine konservative Mehrheit in der Kammer.
Die Verwaltung, die politischen Gremien und die Zeitungen wurden überwacht.
Borries duldete auf seinem konservativ-pragmatischen Kurs keinen Widerspruch.
Kritiker im Staatsdienst verloren ihre Ämter.
Die Universität Göttingen wurde wegen der Missachtungseiner Wahlwünsche mit einer
„Hungercur“ bedroht.
Sein wichtigster Verbündeter war der wirtschaftliche Aufschwung im Land, den er mit
pragmatischen Maßnahmen beförderte. Nur langsam gewann die Opposition unter
Rudolf von Benningsen aus Göttingen im Lande an Einfluss.
Aber dann entließ der König, der sich sicher im Sattel wähnte, den zu dominanten
leitenden Minister, der ihm zu richelieuhaft regierte.
Borries war fortan nur noch Abgeordneter, zeitweilig Staatsratspräsident, erlebte
den Untergang Hannovers 1866, wurde 1867 Mitglied des preußischen Herrenhauses
und lebte im Alter in Celle, wo er am 14. Mai 1883 verstarb und unter großer öffentlicher
Anteilnahme auf dem Neuenhäuser Friedhof die letzte Ruhe fand.
Wilhelmshavener Zeitung
© MARTIN STOLZENAU
